Nur so hat Kirche Bedeutung

von | 9. Nov 2019 | Gesellschaft | 6 Kommentare

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„Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Diese bekannte Aussage von Dietrich Bonhoeffer bedeutet mindestens zwei Dinge:

  1. Kirche ist Teil der Gesellschaft und hat einen Auftrag an der Gesellschaft. Sie ist FÜR andere da.
  2. Kirche unterscheidet sich von der Gesellschaft. Sie ist für ANDERE da.

In der Geschichte der Kirche wurde immer wieder einer dieser zwei Aspekte auf Kosten des anderen überbetont. Es handelt sich dabei aber eigentlich um Polaritäten, die aufeinander bezogen sind. Wir brauchen immer beide Seiten dieser Polaritäten, denn darin liegt wie bei einer Batterie mit ihren zwei Polen die Energie. Mit nur einem Pol wird man wirkungslos, sowohl als Batterie als auch als Kirche.

Weitere Aussagen, die diese Polaritäten beschreiben, lauten:

 

Pol 1 Pol 2
Kirche ist in die Welt gesandt. (Joh 20,21; 17,11; Mat 28,18-20) „Kirche“ bedeutet „die Herausgerufene“. (Mt 11,28-30; Joh 17,14)
Kirche bedarf der ständigen Erneuerung. Kirche steht auf dem Fundament der Bibel und von Christus. (Eph 2,20)
Kirche ist Teil der Gesellschaft und muss sich auf ihr kulturelles Umfeld einlassen. Kirche soll mit ihren Werten und Überzeugungen die Gesellschaft prägen.
Kirche dient sozial-diakonisch. Kirche verkündigt ihre Botschaft, das Evangelium.
Kirche geht auf die gegenwärtigen Probleme ein. Kirche öffnet einen Horizont, der über dieses Leben hinausgeht.
Kirche ist mit ihrem Handeln am Puls der Zeit. Kirche ist mit ihrem Ohr am Herzschlag Gottes.
Kirche trägt ihrem Umfeld in Form, Handeln und Sprache Rechnung. (1Kor 9,19-25) Kirche hat den Mut, auch unpopulär zu sein. (Joh 15,18-20)
Kirche setzt sich mit aktuellen Fragestellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Kirche orientiert sich an der Bibel und ihren ethischen Aussagen.
Kirche wird vom Geist Gottes geprägt, dem Geist der Liebe. Kirche wird vom Geist Gottes geprägt, dem Geist der Wahrheit.
Kirche vertritt die Botschaft, dass wir geliebt und angenommen sind, wie wir sind. Kirche vertritt die Botschaft, dass wir in die uns zugedachte Würde hineinwachsen sollen.
Kirche muss Glaubensaussagen immer wieder neu formulieren. Kirche muss akzeptieren, dass Glaubensaussagen in der Gesellschaft nicht immer mehrheitsfähig sind.
Kirche ist „Salz der Erde“. Salz wirkt aus der Nähe. Kirche wendet sich der Welt selbstlos zu. (Mt 5,13) Kirche ist „Licht der Welt“. Licht wirkt aus einer gewissen Distanz und zeigt die Dinge, wie sie sind. Kirche bekennt sich zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben, wie sie dies erkannt hat. (Mt 5,14-16; Joh 14,6)

 

Wie gesagt: Wir brauchen immer beide Seiten dieser Polaritäten. Die ersten Aussagen kommen ohne die zweiten ebenso schief wie die zweiten Aussagen ohne die ersten. Die Energie liegt immer in beiden, nie nur in einer Aussage.

Soweit ich die gegenwärtigen Entwicklungen wahrnehme, sind heute vor allem die ersten Aussagen im Trend. Dass beispielsweise ungeborenes, altes und krankes Leben, Sexualität sowie die Ehe und Familie eine schützenswerte Würde besitzen, scheint altbacken zu sein. Vergisst die Kirche jedoch die zweiten Aussagen, wird es ihr auf Dauer auch nicht möglich sein, die ersten zu leben. Eine Kirche, die Ihre Botschaft, Überzeugungen und Werte zu stark der Gesellschaft anpasst, verliert ihr Profil, ihre Fähigkeit zu prägen, ihr Unterscheidungsmerkmal und schlussendlich ihre Relevanz und Bedeutung für die Gesellschaft. Sucht die Kirche ihre Gesellschaftsrelevanz am falschen Ort, verliert sie ihre Bedeutung leider ganz.

Auf den Einwand, dass sich vor allem freikirchliche Gemeinden zu lange auf die zweiten Aussagen konzentriert hätten, antworte ich: Ob man links oder rechts vom Pferd fällt, spielt im Endeffekt keine grosse Rolle. Das Ziel ist, auf dem Pferd zu sitzen. Wer sich bei den zweiten Aussagen zuhause fühlt, wird sich auf die ersten konzentrieren müssen. Wer vor allem die ersten Aussagen schätzt, wird die zweiten speziell beachten müssen. Reiten kann man nur auf dem Pferd und Energie gibt es nur mit beiden Polen der Batterie.

Die Kirche muss sich gleichzeitig von der Gesellschaft unterscheiden und sich auf sie einlassen. Nur so hat Kirche Bedeutung.

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

6 Kommentare

  1. Danke für die guten und klaren Gedanken. Ich kann mich der Antwort von Paul Bruderer nur anschliessen.

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    • Danke!

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  2. Sehr schön, Christian, deine Aufzählung verschiedener Polaritäten gefallen uns und sind anregend. Allerdings würden wir grundlegend hinzufügen:
    Pol2 Kirche lebt in der Anbetung des dreieinigen Gottes und in der Begegnung mit Ihm und Pol1: Kirche lebt Gemeinschaft mit Menschen.
    Herzlichen Gruss
    Johanna und Philipp von Orelli

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    • Danke, Johanna und Philipp, für diese Ergänzung! Meine Aufzählung ist sicher nicht vollständig.
      @alle: Gibt es weitere Pol-Paare, die man aufnehmen sollte?

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  3. Deine Gedanken teile ich zu 100% Christian. Du zeigst mit deinem Artikel ausgezeichnete Wahrnehmungsfähigkeit der aktuellen Situation. Gleichzeitig sind die einzelne Punkte, die du nennst, eine Skizze für einen ganzen Gemeindebau – also eine Definition, wie Gemeinde Jesu sein und leben soll in unserer Zeit. Ich freue mich darüber, genau das umsetzen zu dürfen!

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    • Danke, Paul, für dein Feedback!

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